Ich hatte gestern ein Gespräch bei der IHK. Es ging um meine Gründung. Der Berater ist klug, er versteht, was ich sage, und er stimmt mir zu. Und dann sagt er: „Aber das können Sie hier nicht durchsetzen.“
Er hat recht. Nicht weil das, was ich vorschlage, falsch wäre. Sondern weil die Förderstrukturen in MV – und nicht nur hier – nicht menschenzentriert gebaut sind.
Es gibt Millionen für KI-Einführung. Es gibt Millionen für Digitalisierung. Es gibt Fördertöpfe für Tools, für Plattformen, für Transformationsprojekte. Was es nicht gibt: Förderung für die Frage, ob die Organisation überhaupt die Infrastruktur hat, damit diese Tools funktionieren können.
Das ist, als würde man einem Dorf einen Traktor schenken, ohne zu fragen, ob es Straßen hat.
Was Collaboration Architecture ist
Sie erforscht und gestaltet Koordinationsinfrastruktur. Das ist die Schicht in Organisationen, über die Wissen fließt – nicht die Tools, nicht die Prozessstandards, nicht die Organigramme, sondern die tatsächlichen Strukturen, die dafür sorgen, dass die richtige Information zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
Diese Schicht fehlt fast überall. Nicht weil sie unwichtig wäre, sondern weil niemand für sie zuständig ist. Peter Drucker hat 1959 beschrieben, dass Wissensarbeit andere Infrastruktur braucht als Fabrikarbeit.
Seitdem haben wir den Begriff Digitalisierung für die Wissensarbeit eingeführt, weil das Wissen – wenn es überhaupt irgendwo festgehalten wird – digital existiert. Wir haben Computer gekauft, Software eingeführt, Collaboration-Tools deployed, und jetzt kommt KI. Jede Welle verspricht, das Problem zu lösen, das die vorherige Welle nicht gelöst hat. Jede Welle überspringt den gleichen Schritt: den Menschen zu vermitteln, warum Wissensarbeit bei ihnen anfängt, und mit diesen Menschen die Koordinationsinfrastruktur zu gestalten, die die Technologie überhaupt erst nutzbar macht.
Warum niemand das sagt
Weil es kein Geld dafür gibt.
Die Förderlandschaft belohnt Technologieeinführung. KI-Zentren bekommen Mittel, um Unternehmen bei der KI-Einführung zu beraten. Das ist sinnvoll.
Jetzt beinhaltet die Beratung Fragen wie „Welches KI-Potential hat Ihr Unternehmen?“ statt bei „Was sind die eigentlichen Probleme Ihrer Leute?“ und „Wie fließt Wissen in Ihrem Unternehmen tatsächlich?“
Weil das Wissen als Grundlage der täglichen Arbeit in diesem Prozess irgendwie nur als Daten gedacht wird. Als etwas, das schon irgendwo digital existiert. Nicht als etwas, das noch gar nicht festgehalten ist, das noch nirgendwo fließt.
Das ist den Wagen vor das Pferd spannen. Und alle wissen es. Aber wer Fördergelder beantragt, beantragt sie für den Wagen, weil es Fördertöpfe für Wagen gibt. Nicht für Pferde.
Ich beantrage nach der Unterhaltung in der IHK gestern keine Fördergelder, zumindest nicht aus örtlich verfügbaren Töpfen. Nicht weil ich nicht könnte, sondern weil ich nicht bereit bin, so zu tun, als wäre das alles ganz wunderbar so wie es ist.
Was das Institute for Collaboration Architecture ist
Ich gründe ein Forschungsinstitut als eingetragenen Verein. Nicht groß, nicht laut, nicht gefördert. Aber mit einer klaren These:
Bevor Organisationen KI einführen, Collaboration-Plattformen ausrollen oder die nächste Digitalisierungswelle starten, müssen sie verstehen, wie Wissen bei ihnen tatsächlich fließt. Und dann müssen sie die Infrastruktur gestalten, die diesen Fluss ermöglicht. Mit den Menschen, die damit arbeiten – nicht für sie, nicht über ihre Köpfe hinweg.
Das Institut erforscht, wie das geht. Wir entwickeln Methoden, veröffentlichen Forschungsergebnisse, arbeiten mit Hochschulen zusammen und bilden aus. Wir sind drei Gründungsmitglieder und suchen vier weitere. Wir haben ein Position Paper auf ResearchGate, einen Vortrag auf der EA Insights DACH in Bonn im Mai, und ein Kooperationsprojekt mit der Mediadesign Hochschule Berlin.
Wir haben kein Geld. Wir haben Substanz.
Was das mit dem IHK-Gespräch zu tun hat
Der Berater hat mir gesagt, dass ich mit meiner Botschaft vielleicht 1% der Menschen erreiche. Er meinte das als Warnung. Ich höre es als Strategie.
Wenn 1% der richtigen Menschen verstehen, was ich sage, und diese Menschen Verantwortung in Organisationen tragen, dann ist das genug. Ich brauche keine Masse. Ich brauche Leute, die den Unterschied zwischen einem Tool und der Infrastruktur verstehen, die das Tool nutzbar macht.
Die lokalen Netzwerke sind geschlossene Systeme. Die gleichen Menschen verteilen die gleichen Fördermittel an die gleichen Projekte. Das ist kein Geheimnis und kein Skandal – es ist eine Struktur. Und Strukturen kann man nicht von innen verändern, wenn man nicht eingeladen ist.
Also baue ich von außen. Mit einem Institut, das publiziert statt lobbyiert. Mit akademischer Arbeit, die überprüfbar ist. Mit Werkzeugen, die Organisationen befähigen, ihre eigenen Probleme zu lösen, statt von Beratern abhängig zu bleiben.
Das ist nicht bequem. Aber es ist ehrlich. Und auf lange Sicht ist ehrlich das Einzige, das funktioniert.

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