Warum Rostock ganz besonders in Community und Kultur investieren muss

Community – Gemeinschaft – kann so vieles sein. Was alle Gemeinschaften jedoch gemeinsam haben, ist das allgemeine Gefühl, einander wohlgesonnen zu sein. Deshalb zum Beispiel grüßt man Wanderer – das Wandern bringt eine Gemeinsamkeit. Es wäre aber sehr seltsam, jeden zu grüßen, den man auf der Straße trifft.

Die große Mehrzahl bekommt dieses warme Gefühl der Zugehörigkeit vom Fußball und auf Konzerten. Zu welchen Communities gehören wir noch, wo wir uns aufgehoben fühlen und andere Menschen nicht automatisch als total doof ansehen?

In der ehemaligen DDR waren die Betriebe so aufgestellt, dass sie die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit erfüllen sollten. Die Brigade bot auch ein soziales Miteinander mit regelmäßigem Zusammensein, auch mit Partnern. Betriebe boten Interessengruppen an und hatten Budgets für kulturelle Aktivitäten, von denen man heute nur träumen kann. Es gibt heute noch Orchester und andere Vereine, die aus solchen Gruppen hervorgegangen sind.

Dann war das alles weg. Und wir hier im Osten haben nicht nur einen, sondern mehrere solcher Brüche in einem Jahrhundert durchgemacht.

Ohne Sinn für Gemeinschaft leben wir nicht nur aneinander vorbei, sondern auch in ständigem Konflikt. Wenn alle anderen nur doof sind, nehmen wir auch nichts von ihnen an und entwickeln uns nicht weiter. Und weil wir alle doof finden, finden uns auch nur Gemeinschaften, die auch alle doof finden. Das macht es schwieriger, überhaupt irgendwelche Probleme zu lösen. Und die Suche nach der einen großen Beziehung wird auch nicht glücken, wenn wir von der einen Person erwarten, uns alle emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen.

Ich bin selbst in Rostock aufgewachsen und hatte das Gefühl, dass im zwischenmenschlichen Bereich hier etwas gefehlt hat. Wahrscheinlich, weil ich viel gelesen habe. In Berlin hatte ich das erste Mal ein Gespräch, in dem ich mich wahrgenommen gefühlt habe. An die Emotionen kann ich mich immer noch gut erinnern. Dann habe ich gelernt, mit Menschen so zu reden, dass ein wirklicher Austausch entsteht. Und wenn ich es gelernt habe, kann das jeder.

Allerdings ist es schwierig, wenn Leute das noch nie gemacht haben, und sogar die Idee eines Gesprächs über ein Heißgetränk seltsam erscheint. Wohl weil ich eine Frau bin und es logisch ein Date sein muss, weil was könnte ich sonst noch wollen? Wir machen das hier doch nicht.

Was eine Community ausmacht, wie man sie aufbaut, wie sie gut funktionieren kann – das kann man alles lernen. Aber eine gute Gemeinschaft braucht sehr viel Energie, Motivation, Expertise, und ist ganz besonders schwierig, wenn die Menschen nicht wissen, wovon wir reden. In Großstädten findet man einfacher Leute, die schon eine oder zwei Erfahrungen mit Communities gemacht haben und mit Intention etwas aufbauen wollen. In Rostock ist die Mehrzahl der Leute schon immer hier gewesen; man kennt nur die Leute, die man schon kennt, findet es normal, alle anderen doof zu finden (und manchmal auch die Leute, die man kennt), und hat solche positiven Erfahrungen mit anderen Menschen nicht gemacht.

Kann man solchen Menschen überhaupt das Gefühl von Community geben? Community ist immer freiwillig und man muss von sich aus einen Schritt tun, um sich als Mitglied zu fühlen. Je größer dieser Schritt, desto wertvoller ist die Mitgliedschaft, desto mehr Aufmerksamkeit, Zeit und Lebenskraft, und manchmal auch Geld, investiert man weiter.

Leider sind es hierzulande oft sehr seltsame Sekten, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit erfüllen. Mittlerweile hat jeder in MV schon von Reichsbürgern gehört. Ich höre jetzt, dass die sehr seltsame Anastasia-Bewegung sich breitmacht. Ja, klar ist das alles Quark – aber die Grundbedürfnisse, die sie erfüllen, sind ganz real. Und je schlechter wir als Gesellschaft und Arbeitgeber etc. darin sind, Community zu bauen und zu nähren, desto mehr Zulauf kriegen diese komischen Sekten.

Vielleicht hilft uns das auch, über diese Bedürfnisse zu reden. Rüttelt uns wach. Bringt uns dazu, zu investieren – und das kann vielleicht wieder von Arbeitgebern ausgehen.

Mein erster Versuch, in meinem Job eine Community zu bauen, verlief gut und hat mir Mut gemacht – sie hat mich letzte Woche gerettet, als ich mit Covid zu Hause war. Der zweite Versuch hat daran gescheitert, dass die Zutrittsschranke zu hoch lag, aber das war gute Forschung, darauf kann ich aufbauen.


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