Die Guru-Ökonomie: Vom New-Work-Experten zum KI-Pionier in drei einfachen Schritten

Stellt euch vor, ihr könntet bei jedem neuen Trend automatisch zum gefragten Experten werden. Besser noch: Stellt euch vor, ihr könntet es so weit bringen, dass staatliche Förderrichtlinien euren Firmennamen enthalten. Unmöglich? Nicht in der wundersamen Welt der regionalen Innovationsförderung!

Die erstaunliche Wandlungsfähigkeit des modernen Beraters

Vor ein paar Jahren, im Lockdown, habe ich versucht, örtliche Kontakte in meinem Gebiet aufzubauen. Es gab Online-Veranstaltungen, wo sich ein bestimmter Berater zum Thema New Work als Experte präsentierte, indem er Frithjof Bergmann per Videocall einlud. Für alle, die es nicht wissen: Bergmann war der Erfinder des New-Work-Konzepts. Die Botschaft war klar: Wer mit Bergmann auf Du und Du ist, muss selbst ein Leuchtturm der New-Work-Bewegung sein.

Ich fragte in dieser Veranstaltung, was New Work genau ist, und bekam die Antwort „Das kann man nicht so genau sagen. Das ist so ein Vibe.“ (Diesen schwammigen Begriff im Namen von Innovation zu benutzen, statt genau zu benennen, wovon wir eigentlich reden, ist übrigens meiner Meinung nach einer der Gründe, warum Führungskräfte mit der Transformation der Arbeitswelt so überfordert sind. Aber das nur nebenbei.)

Fast forward ins Jahr 2025. Derselbe Berater ist jetzt – Überraschung! – der maßgebliche KI-Experte in unserem Bundesland. Nicht etwa, weil er jahrelang in KI-Forschung investiert hätte oder relevante Projekte umgesetzt hätte. Nein, die Expertise scheint durch eine Art beraterische Osmose entstanden zu sein, ein mysteriöser Prozess, bei dem Buzzwords durch die Hautporen eindringen und sich im Lebenslauf festsetzen.

Wenn Förderrichtlinien zu Personalkatalogen werden

Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Universitätsprofessor, der im wissenschaftlichen Vorstand eines digitalen Innovationszentrums sitzt. Als ich die Dominanz bestimmter Personen in der lokalen Innovationsszene, und die minderwertige Qualität ihrer Arbeit, ansprach, erzählte er mir von einer kürzlich veröffentlichten Transformationsrichtlinie für EU-Fördermittel.

Was ich dann las, ließ mich gleichzeitig lachen und den Kopf schütteln: Die Richtlinie schreibt vor, dass ALLE geförderten Projekte eine bestimmte Firma involvieren müssen. Drei Mal dürft ihr raten, wem diese Firma gehört? Genau, unserem wandlungsfähigen Experten, der vom New-Work-Guru nahtlos zum KI-Pionier mutiert ist.

Das Erfolgsrezept der Guru-Ökonomie

Was können wir aus diesem erstaunlichen Beispiel lernen? Hier ist das Drei-Schritte-Erfolgsrezept der Guru-Ökonomie:

  1. Name-Dropping perfektionieren
    Erwähne bei jeder Gelegenheit, wie gut du die Begründer aktueller Trendthemen kennst. Bonus-Punkte für gemeinsame Fotos mit minimal überlappender Körperhaltung.
  2. Begriffe adaptieren, nicht verstehen
    Warum jahrelang ein Thema studieren, wenn du einfach die Begriffe übernehmen kannst? Ein „New-Work-Workshop“ wird mit minimalen Anpassungen zum „KI-gestützten Transformations-Lab“. Definition? „Das ist so ein Vibe.“
  3. Strategische Netzwerke in Politik und Förderstrukturen aufbauen
    Hier liegt der eigentliche Schlüssel: Es geht nicht darum, was du weißt, sondern wen du kennst – insbesondere die Personen, die Förderrichtlinien verfassen.

Die Kosten der falschen Expertise

So amüsant diese Beobachtungen sein mögen, sie haben ernste Konsequenzen. Wenn öffentliche Fördermittel durch solche Mechanismen gelenkt werden, leiden unsere Organisationen und die Menschen, die dort arbeiten. Die Wirtschaft läuft nicht, weil Grundlagen nicht geschaffen werden – hier in MV haben viele, auch große Firmen immer noch kein CRM, kein Wissensmanagement. Echte Experten werden von den immer gleichen Pappenheimern ausgebremst – wie diese genau arbeiten, könnt ihr im vorigen Artikel lesen. Start-ups mit tatsächlicher KI-Expertise gehen weg, weil man ja hier an den Machtstrukturen nichts machen kann, während Berater mit gewandtem Netzwerk, aber begrenztem Fachwissen florieren.

Besonders ironisch: Die gleichen Berater, die im Namen von „agil“ und „scrum“ von selbstorganisierten Teams schwärmen, bauen sorgfältig Abhängigkeitsstrukturen auf, die ihre Position absichern.

Die Alternative: Organisationsmündigkeit statt Guru-Hörigkeit

Was wäre die Alternative? Statt Gurus zu fördern, die Organisationen in Abhängigkeit halten, könnten wir in echte Organisationsmündigkeit investieren. Das bedeutet:

  • Förderrichtlinien, die Qualitätskriterien definieren statt spezifische Anbieter vorzuschreiben
  • Aufbau interner Kompetenzen statt dauerhafter externer Beratung
  • Bessere Veranstaltungen, die Expertise verteilen statt auf eine Person konzentrieren
  • Strukturen, die Wissenstransfer belohnen statt Wissensmonopole

Vielleicht bräuchten wir eine Art „Guru-Prevention“ in Förderrichtlinien – Mechanismen, die sicherstellen, dass öffentliche Gelder tatsächlich Innovation fördern und nicht nur die immer gleichen Beratungsfirmen.

Wie geht es weiter?

Ich habe dem zuständigen Minister geschrieben und auf diese problematische Konstruktion hingewiesen. Nicht, weil ich glaube, dass sich dadurch sofort etwas ändern wird, sondern weil es wichtig ist, dass solche Praktiken nicht unbemerkt bleiben.

In der Zwischenzeit arbeite ich weiter an Annafannatics – einem Open-Source-Projekt, das Organisationen dabei helfen soll, ihre eigenen Probleme zu lösen, statt von externen Beratern abhängig zu werden.

Kennt ihr ähnliche Beispiele der Guru-Ökonomie? Habt ihr Erfahrungen mit Förderrichtlinien gemacht, die bestimmte Anbieter bevorzugen? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!


Nachtrag: Dieser Beitrag ist bewusst ohne Namen geschrieben, weil es mir nicht um einzelne Personen geht, sondern um strukturelle Probleme in der Innovationsförderung. Die Mechanismen sind wichtiger als die Akteure.


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