KI-Werkzeug in einer instabilen Struktur führt zum schnelleren Kollaps

Im Januar stand Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig beim Jahresempfang der IHK und erklärte den Anwesenden KI als Antwort auf den Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung. Bei diesem Empfang kündigte sie weitere 1,5 Millionen Euro für KI-Anwendungen an. Gestern zeigte sich Manuela Schwesig dann in einem Beitrag auf LinkedIn verwundert, warum es keinen Ansturm auf diese Gelder gebe.

Am Mittwoch dieser Woche war ich in Schwerin, um mit dem Verwaltungsteam des Heimatverbands MV ein neues Workshop-Format zu testen. Ich nenne es „Trampelpfade des Wissens“. Denn beim Design für Wissensarbeit fangen wir nie bei Null an.

Dieses Format lässt sich überall anwenden. Sobald mehr als ein Mensch zusammenarbeiten, gibt es Informationsflussprobleme. Hier hatten wir drei Personen mit unterschiedlichen Rollen und unterschiedlichen Bedürfnissen. Wir versuchten herauszufinden, wie ihr Wissen fließt. Nachdem wir den Gestaltungsraum eröffnet hatten, verbrachten sie eine Stunde tatsächlich damit, eine gemeinsame Struktur aufzubauen. Es wurde keine Technik eingesetzt oder benötigt; stattdessen schufen wir einen Raum für offene Fragen, ausgehend von einer realen Situation. Wir brauchten eine Tafel und die Bereitschaft, uns anzuschauen, was tatsächlich da ist.

Der Workshop verlief gut. Die Teilnehmerinnen waren von dem Format beeindruckt. Zur Mittagszeit hatten sie eine Struktur, die für sie alle funktioniert, sowie Tipps, wie sie diese aufrechterhalten können, ohne auf einen externen Moderator angewiesen zu sein. Das ist die Arbeit. Sie ist nicht glamourös. Sie macht sich nicht gut in neon-beleuchteten Messehallen voller digitaler Innovation, sie ist zu hart und langweilig, um sie einem Minister an einem Messestand zu erklären.

Infrastruktur halt.

Aber solch ein Format ist auch keine riesige Investition für Organisationen. Es wird Open Source, kann von jeder und jedem moderiert werden, kann dazu beitragen, wie Menschen überall zusammenarbeiten. Ich bin besonders stolz darauf, Kultur in etwas Konkretes und Tragendes zu verwandeln.

Aber hier ist das, worauf ich immer wieder stoße: Die politische Debatte und die Realität vor Ort unterscheiden sich nicht nur – sie bewegen sich in unterschiedlichen Dimensionen. Schwesig spricht von teurer Technik. Ich sehe Häuser, die keine Wände haben.

Wände aus Pappkarton

In dem Fachwerkhaus-Modell, das ich für die Organisationsdiagnostik verwende, fließt das Wissen in jeder Organisation durch Werkzeuge, die sich in Kategorien einteilen lassen. Die Kategorien sind: wie Aufgaben verteilt werden, wo Wissen angesiedelt ist, wie Meetings zu auffindbaren Entscheidungen führen, ob es eine funktionierende informelle Kommunikationsebene gibt. Das sind die Wände. Dann gibt es noch die Querstreben: Kultur (Vertrauen, Offenheit, geteilte Verantwortung) und Gewohnheiten (wer liest was, wer dokumentiert was, wer reagiert wann). Eine effektive Verbindung zwischen all diesen Bestandteilen macht die Struktur tragfähig.

Ohne effektive Verbindungen, ist alles, was Kapazität hinzufügen soll – seien es Mitarbeitende oder ein Werkzeug –, nur ein Balken, der zusätzliches Gewicht verursacht.

Ein schwerer Balken, auf ein Fachwerk gelegt, bildet noch keine Kapazität – ganz im Gegenteil. Das Haus stürzt schneller ein, als es ohne das zusätzliche Gewicht der Fall gewesen wäre.

Und KI ist ein wirklich, wirklich dicker Balken.

Das ist auch keine bloße Metapher. Bei Nordex verursachte eine einzige Einführung eines neuen Workflow-Tools ohne Involvierung derer, die die eigentlich wertschöpfende Arbeit machen, Kosten von über 500.000 Euro. Die UX-Designarbeit, die das hätte verhindern können (miteinander gestalten, testen, erst dann werden die neuen Workflows in die Arbeitsrealität übertragen): 25.000 Euro. Ein Verhältnis von 20:1.

Das Förderungsproblem

Schwesigs Beitrag zog die zu erwartenden Kommentare an. Ein Hotelmanager aus einem benachbarten Bundesland, der über seinen eigenen Weg zur Digitalisierung sprach. Ein Buchhalter, der die KI für sich entdeckte. Jemand, der über Kürzungen bei den Forschungsgeldern schimpfte. Niemand – weder die Ministerpräsidentin, noch die IHK, noch die Kommentatoren – erwähnte die Infrastruktur, die es erst ermöglicht, dass solche Tools Werte schaffen.

Das ist kein Zufall. Die gesamte Förderlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern ist auf die Einführung von Technologien ausgerichtet. Es gibt Geld für KI-Projekte, für Digitalisierung, für Tools. Es gibt kein Geld für die Gestaltung der Koordinationsinfrastruktur, die diese Tools erst funktionsfähig macht. Es gibt keine Förderkategorie für „einer Organisation dabei helfen herauszufinden, wie ihre Mitarbeiter tatsächlich Wissen austauschen, bevor man ihnen eine neue Plattform zur Verfügung stellt“.

Das Ergebnis ist vorhersehbar. Organisationen in MV erhalten finanzierte Tools. Die Tools landen in Strukturen, die sie nicht tragen können. Die Kosten dafür, dass sie funktionieren, fallen auf diejenigen, die sich dem nicht entziehen können – meist die Menschen am Boden der Hierarchiestränge, die eigentlich wirklich anderes zu tun haben. Der Förderzyklus beglückwünscht sich selbst zur digitalen Transformation, während die Menschen vor Ort die Koordinationskosten am eigenen Leib tragen.

Was wir dabei machen

Wir gründen das Institute for Collaboration Architecture, um Formate zu entwickeln, die diese Arbeit der Gestaltung von Koordinationsinfrastruktur vermitteln und ermöglichen sollen.

Gestern, mit der Energie (und Erschöpfung) des Tages nach einer Workshop-Premiere, hob ich einen Zweig auf, zeichnete ihn und fing an, ein interaktives Werkzeug zu gestalten. Man beantwortet 25 Fragen dazu, wie man arbeitet, und sieht, wie sich eine Struktur baut – oder eben nicht. Am Ende stellt man sich selbst in die entstandene Struktur und schaltet die Schwerkraft ein.

Jeder versteht, wie viel Tragkraft ein Zweigt hat.

Das Werkzeug funktioniert noch nicht – meine Fähigkeiten, so etwas selbst zu bauen, sind begrenzt. Ich wollte es aber gut erklären können. Und schon im jetzigen Zustand hat es Menschen zum müden Lächeln gebracht.

Solche Projekte will das Institute for Collaboration Architecture entwickeln, während es sich in eine Position manövriert, in der es zu diesen substanziellen Zukunftsfragen gehört werden kann.

Während es auch völlig unmissverständliche Kunst entwickelt.

Eventuell gibt es für die Kunst eine andere Identität. Das Ductarc-Kollektiv. Das aber eine starke Verbindung mit dem Institut haben muss, damit die Message immer klar ist – wir reden hier über fehlende Strukturen, die nicht nur die Fähigkeit von Organisationen, ordentlich zu arbeiten und Werte zu schöpfen, beeinträchtigt, sondern auch den Menschen das Leben zerstört.

Denn wer macht das Fehlen dieser Strukturen sonst wett? Und wo wirkt das sich am härtesten aus? Dort, wo Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Und jetzt schauen wir mal auf das, was örtliche Organisationen stattdessen im Namen von „Work Greater“ anbieten.

Dazu sage ich nur

Fehlende Infrastruktur kann nicht durch die Entwicklung persönlicher Kompetenzen ausgeglichen werden.

Ich habe diese Woche auch vermehrt versucht, mit Designern zu kommunizieren, und unzufriedenstellende Resultate bekommen. So langsam entwickelt sich die bildliche Sprache aber in die richtige Richtung. Handgemacht, unbequem, anders als alles, was schon da ist.


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