1.
Deutschland hält sich für schlecht in Innovation. Ich halte das für die falsche Diagnose. Sie ist bequem, weil sie nur nach mehr verlangt: mehr Geld, mehr Tempo, mehr Mut, mehr Gründergeist.
Meine Diagnose ist unbequemer. Wir sind nicht unfähig. Wir tun etwas anderes und nennen es Innovation.
2. Was Aberglaube technisch bedeutet
Aberglaube ist nicht Dummheit. Aberglaube ist die Überzeugung, dass die richtige Anordnung ein Ergebnis erzeugt, ohne dass irgendjemand den Mechanismus benennen kann, der es erzeugt. Man tut etwas und vertraut, dass die Wirkung folgt.
Das ist keine leere Provikation, es ist eine Beobachtung der aktuellen Szene. Sie beschreibt genau, was wir in Organisationen und in der Regionalpolitik seit Jahren tun.
3. Der Ritus
Sehen Sie sich an, was gekauft wird, wenn Innovation gekauft wird. Software. Ein Digitalisierungsprogramm. Ein Innovationszentrum. Ein Kongress mit Nebelmaschine. Ein Design-Thinking-Workshop.
Was danach eintreten soll: eine Organisation, die besser zusammenarbeitet. Eine Region, die etwas hervorbringt.
Wodurch das eine zum anderen wird, sagt niemand. Es steht in keinem Antrag, in keiner Strategie, in keinem Abschlussbericht. Zwischen dem Einkauf und der Wirkung klafft eine Lücke, und wir füllen sie mit Zuversicht.
Kapazität entsteht nicht dadurch, dass man Technik in ihre Nähe stellt. Wenn unkoordiniert eingekauft wird, entsteht auf lange Sicht eher weniger Kapazität.
4. Ein Wort, aus dem der Mechanismus herausgefallen ist
Aus „digitaler Transformation“ ist im Deutschen „Digitalisierung“ geworden. Die Transformation ist herausgefallen. Übrig blieb das Digitale: der Einkauf von Hard- und Software. Der Umbau der Zusammenarbeit — der Teil, der die eigentliche Arbeit macht — hat das Wort verlassen und ist damit aus dem Blick verschwunden.
Das wird wieder mal individuellen Führungskräften überlassen.
Sprache ist hier kein Nebenschauplatz. Ein Begriff, aus dem der Mechanismus herausgefallen ist, ist die exakte sprachliche Form des Aberglaubens.
5. Innovationsfreude
In den Digitalstrategien strukturschwacher Regionen findet sich ein bemerkenswertes Wortpaar: geringe Innovationsfreude und geringe Innovationsfähigkeit. Die beiden sehen aus wie Geschwister. Sie sind es nicht.
Fähigkeit ist Struktur. Sie ist gebaut, oder sie ist es nicht. Freude ist ein Affekt. Man kann sie abfragen, darstellen — und heben: mit einem Festival, einer Keynote, einem „innovativen Image“.
Raten Sie, welche Hälfte der Diagnose von den Maßnahmen erreicht wird.
Ein Apparat, der Stimmung sehen kann und Struktur nicht, macht sich daran, die Stimmung zu heben. Das Ziel lässt sich dann vollständig erfüllen: Die Halle ist voll, das Image steht, die Freude ist gemessen und gestiegen. Und koordiniert wird danach genau so schlecht wie vorher.
Das ist kein Betrug. Das ist ein Ritus, der sein eigenes Gelingen misst.
6. Quacksalber wie im Mittelalter
Warum ich das gerade diese Woche schreibe? Am Wochenende war ich in einer unserer wunderbaren Kleinstädte in MV. Eine lokale Initiative hatte ein Musikfestival organisiert. Diese Städte haben alle die gleichen Probleme: akute Finanznöte, Leerstand und externe Immobilienbesitzer, die das Stadtzentrum verfallen lassen.

Die Veranstalter haben eine „künstlerisch-kulturelle Intervention“ organisiert. Das Publikum waren alte und neue Einwohner der Stadt. Die neuen waren haben ganz oft irgendwelche esoterischen Dienste verkauft.
Ja klar. Heilsversprechen. Optimiert euch individuell, um damit umzugehen, dass die Strukturen wegbrechen.
7. Kein Mechanismus, kein Vergleich
Was mir an diesem Abend auch auffiel, ist nicht das einzelne Angebot, sondern die Landschaft. Diese Angebote konkurrieren hart. Nichts sagt, wodurch es wirkt. Leute wählen, was in der Nähe ist, was am lautesten ist oder was eine Bekannte empfohlen hat.
Und dann fiel mir auf, dass genau das auch für mein eigenes Feld gilt.
Es gibt mehrere Disziplinen, die strukturell in Organisationen arbeiten: Enterprise Architecture, Organisationsentwicklung, Prozessmanagement, Service Design, Change Management. Sie tagen getrennt, publizieren getrennt, verkaufen getrennt. Wo jede ansetzt, was sie leistet, wo sie aufhört, hat nie jemand nebeneinandergelegt. Die Führungskraft, die entscheiden muss, welche Hilfe sie holt, entscheidet ohne Landkarte. Auch sie kauft, was sie kennt oder was gerade am lautesten ist.
Einen Unterschied will ich nicht verwischen: Die Disziplinen könnten ihren Mechanismus angeben. Sie tun es nur nicht, weil die Auftraggeber nur magische Heilsversprechen kennen. Die Anbieter haben gar keinen Druck, sich untereinander zu verständigen. Bei den Heilsangeboten gehört das Nicht-Angeben zum Angebot selbst. Aber für die Person, die entscheiden muss, läuft beides auf dasselbe hinaus: kein Vergleich, also keine Wahl. Nur blindes Vertrauen.
Wo niemand den Mechanismus nennt, wird nicht ausgewählt. Es wird geglaubt.
8. Warum ausgerechnet hier
Hier oben gibt es keine Milieus, in denen ein Austausch stattfindet. Es gibt den offiziellen Kurs, und es gibt die, die von ihm ausgegrenzt werden. Wer widerspricht, findet keine zweite Bühne, auf der der Widerspruch zu einer Position werden könnte, die man prüfen, vergleichen, widerlegen kann.
Also wird der Widerspruch keine lesbare Position.
Ist das ein Charakterzug der Provinz? Auf jeden Fall ist es eine strukturelle Folge davon, dass es nur eine Achse gibt.
9. Der Satz, um den es geht
Wenn eine Organisation ihre fehlende Infrastruktur nicht sehen kann, sieht sie stattdessen fehlerhafte Menschen. Sie schickt sie zu Coaches: Durchsetzungsvermögen, Resilienz, emotionale Intelligenz. Struktur wird zum Persönlichkeitsdefizit erklärt und an Einzelne zurückgegeben.
Wenn eine Region ihre fehlenden Strukturen nicht sehen kann, geschieht dasselbe eine Etage tiefer und nach Feierabend. Auch hier soll der Einzelne mit sich selbst ausgleichen, was ihn eigentlich tragen sollte.
Es ist derselbe Vorgang. Eine strukturelle Abwesenheit wird an die weitergereicht, die sie nicht ablehnen können. Kostenabwälzung, auf der Ebene einer Landschaft.
10. Die Forderung
Nennen Sie den Mechanismus. Fordern Sie den Mechanismus ein. Lernen Sie den Unterschied zwischen charismatischen Heilsversprechen und wissenschaftlich fundierter Organisationsarbeit.
Wer etwas anbietet, sagt, wodurch es wirkt. Wer etwas kauft, verlangt das. Was darauf nicht antworten kann, ist Aberglaube — auch wenn es ein Budget hat, ein Logo und eine Bühne.
Zur Zeit wächst diese Szene: Leute, die zwar Bühnen teilen, aber nur für ihre eigenen Heilsversprechen werben. Für mich ist das ein Signal für fehlende Strukturen. Die gleichen Leute machen auch die Organisationsarbeit, bieten alles an, was gerade nachgefragt wird.
Das Resultat, wenn Organisationen von solchen Einzelpersonen beraten werden? Gefolgschaft. Die Coaching-Strunden werden immer mehr. Irgendwann jeden Morgen.

Für meine eigene Disziplin baue ich einen Mechanismus in jedes Dokument, das ich herausgebe: gemeinsames Vokabular, damit verschiedene Gruppen dasselbe meinen. Diagnosewerkzeuge, damit sichtbar wird, welche Balken tragen und welche von Menschen gehalten werden. Formate, in denen mit den Betroffenen gestaltet wird, nicht für sie. Und ein Prüfstein, den ich nicht wegdiskutieren kann: Wissen fließt, oder es fließt nicht.
Prüfbarkeit ist der einzige Unterschied zwischen einer Disziplin und einem Ritus.
11.
Aberglaube ist nicht der Gegensatz von Fortschritt. Aberglaube ist das, was übrig bleibt, wenn die tragenden Strukturen weg sind und niemand neue baut.
Aberglaube mit Budget heißt bei uns Innovation.

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